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Das Horn

Runengesang mit
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20.2.09 19:30


Minna im Heimatmuseum

Warum sich die Minna Haberletzer hat ausstopfen lassen

Die Minna Haberletzer und ihr Ingeniör saßen auf dem Kanapee in der Küche und tranken Kaffee. Das Strickzeug lag mit halb abgestrickter Nadel auf dem Tisch neben einem Plan für eine neue Erfindung. Der Ingeniör spielte mit seinem Radiergummi.
„Ich dat so gern wissen“, sagte die Minna mit einem tiefen Seufzer, „wia des is, wenn i oid bin.“
„Das kann ich dir schon sagen“, meinte der Ingeniör. „Wenn du 90 bist, steckt dich deine Tochter ins Altersheim, weil du zu viel Blödsinn machst.“
„Was fia an Blödsinn denn?“
„Neue Tupperschüsseln kaufen zum Beispiel, Bücher, die du dann doch nicht liest, Schuhe, die du nie anziehst und Schlafanzüge, obwohl der Schrank voll ist.“
„Mit neinzge mach i des nimma.“ Minna nahm einen Schluck Kaffee.
„Weil du mit dem Fahrrad gegen die Einbahnstraße fährst.“
Minna grinste. „Des mach ich doch jetzt a scho.“
„Außerdem bist du schon dreimal mit der Nase voran ins Gemüsebeet gefallen.“
„Bin i nu nia ned“, stellte Minna empört fest. „nu nia ned im Lem bi i ins Gmiasbeetl gfallen.“
„Aber dann, mit 90, da ist dir das passiert. Deswegen meint die Helene, es muss jemand den ganzen Tag auf dich aufpassen.“
„Is ja a ned zum Aushalten. Da muass ich ja mim Radl fuatfahrn, wenn die dauernd auf mi aufpasst.“
„Eben, deshalb schickt sie dich ins Heim.“
Schweigen. Minna strickte weiter. Der Ingeniör radierte in seinem Plan.
„Woher woaßt du des so genau?“, fing sie nach einer Weile an, „bist du, gegen unser Abmachung, heimlich mit da Zeitmaschin?“
„Nein, bin ich nicht“, sagte Siegi.
„Aber wenn du des so genau woaßt.“
„Ich kenn dich – da brauch ich keine Zeitmaschine um zu wissen, was los ist, wenn du 90 bist.“
„Woaßt du dann a, was aus unsam Haus werd, aus meina Kuchl, ausm Kanapee?“
„Das kann ich dir auch sagen. Das alte Glump schmeißen sie in den Wald, deine ganzen Pullover und die gehortete Bettwäsche kriegt die Caritas, das Haus reißen sie ab und bauen einen Wohnblock hin.“
„Grad aso werds sei“, sagte Minna.
Sie schwiegen wieder. Minna kramte ein Taschentuch aus ihrer Schürzentasche und schnäuzte sich ausgiebig.
Der Ingeniör malte Linien auf seinen Plan.
„Und dei Werkstatt?“, fragte Minna, „deine ganzen Erfindungen? De vakaffans.“
„Nein“, sagte der Ingeniör, „die schmeißen sie auch weg. Weil sie verstehen ja nichts davon.“
„Die Zeitmaschin.“
„Das Tachionen Triebwerk – besser niemand merkt, dass ich das erfunden hab.“
„Und die ganzn Maschindaln, die du für mi baut hast, den Strudelaufroller, den Eierzerschlager, den Wiener-Schnitzel-Panierer ...“
„Wird alles entsorgt.“
Die beiden griffen nach ihren Kaffeehaferln.
Minna setzte die Tasse zurück auf den Tisch und stieß den Ingeniör mit dem Ellbogen in die Seite. „Geh“, sagte sie, „i muass des wissn, i muass des jetzt glei ganz genau wissn. Mach die Zeitmaschin startklar. Schick mi 45 Jahr voro.“

Minna landete in einer schlecht beleuchteten Tiefgarage. In einem Eck stand ein rostiges Auto aufgebockt, ohne Räder. Ein paar Abteile waren mit Brettern zu einem Verschlag abgetrennt. Ein Plastiktisch und ein paar Stühle standen vor der Ausfahrt, so dass etwas Licht auf den Tisch fiel. Ein Bierkistl mit leeren Flaschen stand daneben. Minna zog eine Plane über die Zeitmaschine und schob sie tiefer in die dunkle Nische. Mit festen Schritten ging sie die Rampe hinauf.
Wie erwartet, ihr Haus und der Garten waren nicht mehr da. Fünf schmale enge Reihenhäuser standen jetzt auf dem Grundstück, jedes mit 3 Quadratmeter Rasen vor der Terrasse. Schnell ging Minna hinaus auf die Straße.
Es regnete. Natürlich. Es regnete und Minna hatte keinen Schirm dabei. Dummerweise hatte sie auch noch ihre schönste Jacke angezogen, man will ja schließlich nicht wie eine Landstreicherin daher kommen.
Minna ging ihre alte Straße entlang. Die Häuser standen ein bisschen grau und alt herum. Die Thujenhecken waren noch höher gewachsen und so breit, dass sie schon den halben Gehsteig einnahmen. Die Straße war von Frostsprüngen kreuz und quer durchzogen.
Es war eigenartig, so ungewohnt still. Kein Auto nirgends. Ein einziger Fahrradfahrer kam daher. Der fuhr mitten auf der Straße und dann noch quer über die Kreuzung. Die Brücke über den Hachinger Bach war zusammengefallen. Die Betonbrocken lagen im Wasser. Ein paar Bretter waren darüber gelegt für die Fußgänger. Minna balancierte vorsichtig auf die andere Seite hinüber.
Der Kammerloher stand noch, aber er war kein Wirtshaus mehr sondern Heimatmuseum. Zu Minnas Lebzeiten hatte es auch schon ein Heimatmuseum gegeben, aber das war so klein, dass es in einem Kellerraum am Bahnhof Platz hatte und nur einmal im Monat geöffnet war. Auf dem Vorplatz standen alle möglichen Gartengeräte: Rasenmäher, Laubbläser, Dampfdruckreiniger, Heckenschneider, Häcksler, eine Schneefräse, Minitraktoren. Rosteten im Regen vor sich hin. Einige wenige waren mit Planen zugedeckt, so dass man nicht so recht sehen konnte, was darunter steckte. Minna beschloss ins Museum zu gehen, bis es zu regnen aufhörte.
An der Kasse saß eine nicht mehr ganz junge Frau und las. Minna suchte in ihrer Handtasche nach der Börse um den Eintritt zu zahlen.
„Aber, nein, Frau Haberletzer“, sagte die Frau, „Sie haben natürlich freien Eintritt.“
Minna war verblüfft. Woher kennt die mich? Sie ging hinein. Allzu oft war sie ja nicht im Museum gewesen, um genau zu sein, nur einmal. Aber es gab da doch ein paar Sachen, an die sich erinnern konnte. Den roten Bobschlitten zum Beispiel. Aber an diese ganze Reihe von Schaufensterpuppen in Abendkleidern konnte sie sich nicht erinnern, auch nicht an so viele Scherben und Vasen und Knochen. Eine Ausstellung „historische Tupperschüsseln“. Oha, was stand da auf dem Schildchen: Leihgabe von Isolde Haberletzer. Isolde? Wer war Isolde?
Und da, da war ja ihre Küche: der gute alte Wamsler Herd, auf dem es sich so gut kochen ließ, ihr Küchenkastl, in dem sie das gute Geschirr aufbewahrte. Fast war sie versucht, die Türen aufzumachen um nachzuschauen, ob das blaue Service noch komplett war. Das Kanapee und der Tisch mit einem Stock Alpenveilchen drauf und da, wer saß denn da auf dem Kanapee, ganz zusammengesunken, schief und verhutzelt? Wen hatten sie denn da hingesetzt? Ein altes Weiblein, 100 Jahre alt bestimmt. Spitze knochige Finger hielten die Stricknadeln. Aber die Wolle war um den rechten Finger gewickelt statt um den linken. Die Bluse kam ihr bekannt vor, auch das Umschlagtuch, das um die mageren Schultern geschlungen war. Es sah fast genau so aus wie das, das sie sich selber gehäkelt hatte, aus handgesponnener Wolle von freilaufenden Kärntner Bergschafen.
Dann ging ihr das Licht auf: „Oh mei, des bin ja i selba! 100 Jahr alt, mindestens oder gar 105. Ausgestopft hams mi und mit meina Kuchl ausgstellt.“
Ihr wurde ganz schwindlig. Minna musste sich am Küchentisch festhalten.
Die Treppe knarzte und ein kugelförmiger Mann kam herunter. Weiße Haare umrandeten wie ein Stachelkranz seine Glatze. Er rollte auf Minna zu: „Habe die Ehre, Frau Haberletzer“, rief er und strahlte sie an. „Schaungs moi wieda nach da Oma, gell?“
„Jaja“, sagte Minna, „vielleicht sollt ma sie a bissal abstaubn?“
„Ja, da hamms recht. Nicole!“ rief er.
„Was ist?“ kam die Antwort aus dem Vorraum.
„Bring den Staubhadern. Mia miassn d Frau Haberletzer abstauben.“
„Ich kann hier nicht weg“, rief Nicole, „ich hab doch Kassendienst.“
„Nix wia Ärga mit dera Nicole, rührt koan Finga ned, und des seit dreissg Jahr“, brummte Kipflbäck. Er zog ein Sacktuch aus der Hosentasche und fing an, die Figur auf dem Kanapee abzuwischen.
„Passn S auf“, sagte Minna, „glei lieg i am Bodn.“
Kipflbäck packte sie schnell am Arm. Minna schob den Tisch weg um ihm zu helfen.
Zusammen gelang es den beiden, die Alte wieder richtig hinzusetzen.
„So,“ sagte Minna. „Außerdem, da Fadn ist ganz foisch um de Hand gwickelt, so ko ma ned stricka.“
„Na ja, wer woass denn heit nu, wias Stricka geht. Microfaservliess und so Zeigs ziangs alle o.“
„I mach des scho.“ Minna mühte sich ab, der Figur das Strickzeug richtig in die Hand zu drücken. Aber das ging gar nicht. Denn die Finger und die Gelenke waren ganz steif.
„Was ham S denn gmacht, dass man da nix biang ko?“, fragte sie.
„Mia ham nix gmacht, Frau Haberletzer, das war scho oiwei so, seit s angeliefert worden ist. Des miassn Sie doch wissen. Sie ham des doch macha lassn, des Plastifizian.“
„I hab was?“, sagte Minna. Sie schob den Tisch wieder hin.
„Kann i mi a weng dazua sitzn?“, fragte sie.
„Aber sicher, setzen S Eahna nua zuawe zua Oma, da werd sie se gfrein“, sagte der Museumswärter. „Gell“, sagte er und tätschelte der Alten auf dem Kanapee die Schulter, „gell, Sie gfreits, wenn d Isolde kimmt.“
Minna setzte sich aufs Kanapee und musterte sich von der Seite. Eigentlich sah sie ja ganz passabel aus für 105. Faltig halt. Die Haare unter dem Kopftuch ganz weiß. Und dünn geworden. Erstaunlich dünn. Denn Minna war eigentlich sehr gut genährt. Vielleicht hatten sie sie im Altersheim auf Diät gesetzt, damit sie leichter wurde. Aber warum hab ich meine Kuchl dem Heimatmuseum vererbt? Und die Werkstatt vom Ingeniör? Ist die auch irgendwo? Warum nicht gleich das ganze Häusl als „Siegfried und Wilhelmine Haberletzer Museum“ einrichten?
Auf der Empore rumorte der Kipflbäck. Manchmal hörte sie ihn schwer schnaufen. Sonst war es still im Museum. Minna nahm das Strickzeug und strickte ein paar Runden, dann drückte sie es wieder der ausgestopften Minna in die Hand. Ein komisches Gefühl war das schon, neben der eigenen Leiche zu sitzen. Kann man sich mit sich selbst unterhalten? Ja, man kann. Minna zum Beispiel fragte sich, ob es schöner war im Museum zu sitzen als im Grab zu liegen. Wärmer auf jeden Fall. Auch wenn überhaupt nichts los war im Museum heute, aber das lag nur am Regen. Sonst war hier schon mehr Betrieb. Ganze Schulklassen kamen manchmal.
Minna schaute auf die Uhr. Es war allmählich Zeit, wieder nach Hause zu fliegen. Der Ingeniör hatte ihr nur 2 Stunden zugestanden. Wegen Verletzung der Kausalität. Weil sonst die Gefahr war, dass sie in ein Paralleluniversum abdriftete. Und Hunger hatte sie auch. Also wisperte sie der ausgestopften Minna ein „Pfiadi“ ins Ohr, rief sie dem Museumswärter ein „Auf Wiederschaung“ die Treppe hinauf, nickte der lesenden Frau an der Kasse freundlich zu, und machte sie sich auf den Rückweg zur Tiefgarage.
Es regnete immer noch. Minna hätte sich von der anderen Minna das Kopftuch leihen sollen.
Mist! Die Tiefgarage war geschlossen, das große Rolltor herunter gelassen. Minna zog eine Haarnadel aus ihrem Knoten und stocherte im Schloss. Aber das tat sie nur auf gut Glück, sie war keine Expertin für Schlösser. Es ging auch nicht auf. Und es regnete und regnete.
Minna ging zu den neuen Häusern und klingelte. Im ersten Haus - niemand daheim, im zweiten Haus - niemand daheim, im dritten - jemand kam an die Tür, schaute durch den Spion heraus.
„Hören Sie“, rief Minna- zur Sicherheit auf Hochdeutsch -, „könnten Sie so nett sein und mir die Tiefgarage aufmachen, ich hab da meine Zeitmaschine drin stehen und muss dringend zurück.“ Niemand öffnete.
Im vierten Haus kam eine alte Frau an die Tür, im Nachthemd und Pantoffeln, mit verstrubbelten Haaren.
„Könnten Sie mir die Tiefgarage aufsperren?“
„Was gibt es heute zu essen?“, fragte die Frau.
„Das weiß ich doch nicht“, sagte Minna. „Ich hab was in der Tiefgarage vergessen. Haben Sie vielleicht einen Schlüssel?“
„Warum bringt heute nicht der junge Mann das Essen?“, fragte die Frau.
„Ach, entschuldigen Sie“, sagte Minna, „legen Sie sich wieder hin. Das Essen kommt gleich.“
Dann klingelte sie beim fünften Haus. Niemand zu Hause. Die alte Frau stand immer noch im Nachthemd in der Haustür und schaute ihr nach.
„Gehen Sie wieder hinein“, sagte Minna, „es ist kalt.“
„Aber es muss doch jeden Moment das Essen gebracht werden“, sagte die alte Frau.
„Das dauert noch eine Stunde.“
„Dann wart ich halt so lang.“
„Ja, aber gehen Sie hinein und machen Sie die Tür zu.“
Minna hörte die Schlüssel im Haus Nummer drei klirren. Die Tür öffnete sich und ein junger Bursch steckte seine Nase heraus.

„Verschwinden Sie! Lassen Sie die alte Tante in Ruhe!“ zischte er.
Minna drehte sich zu ihm um und lächelte ihn so freundlich an, wie sie nur konnte: „Äh, könnten Sie mir die Tiefgarage aufsperren, bitte? Ich hab meinen Schlüssel im Auto gelassen.“
„Tiefgarage? Auto? In der Tiefgarage ein Auto stehen lassen? Sie sind wohl nicht ganz dicht. Wer hat denn heute noch ein Auto! Bei 21 Euro der Liter Benzin! Die Tiefgarage ist an eine Rockband als Übungsraum vermietet. Verschwinden Sie, sonst hole ich die Polizei.“ Dann schlug er die Tür zu.
Die alte Frau im Nachthemd war ein Stück herausgetreten. „Ja“, sagte sie, „früher einmal, da bin ich auch Auto gefahren, so vor 50 Jahren oder noch mehr. Jeden Tag war ich unterwegs, die Kinder in die Schule fahren, zum Sport, zur Musikstunde.“
„Jetzt gengan S aba eini.“ Minna schob die Frau ins Haus und zog die Haustür zu.

Rockmusiker sind Nachteulen, immer schon gewesen, überlegte Minna. Aber wie die Zeit bis zum Abend herum bringen?
Unter den Regen mischten sich Schneeflocken. Ein Fahrrad mit großem Anhänger, graues Plastik mit dem Logo der Caritas hielt an der Einfahrt. Ein junger Mann mit Pferdeschwanz kramte im Anhänger und ging dann mit einer Isolierbox zum Haus der alten Frau. Minna wartete am Fahrradanhänger auf ihn bis er wieder zurück kam.
„Sie da“, sagte sie, „wissen Sie ned zufällig, wia ma in die Tiefgarage eini kimmt? I hab mei Radl drin parkt, damit s ned nass werd und jemand hat des Tor zuagmacht.“
Der junge Mann schüttelte den Kopf.
„Kennans de Rockband, de dort übt?“
„Rock interessiert mich nicht“, sagte der junge Mann, „ich höre nur Trash.“
„Trash?“
„Und ab und zu Gothic Metall.“ Er kratzte sich am Kopf. „Kann man nichts machen.“
Minnas Jacke fühlte sich schon sehr feucht an. Wahrscheinlich ging die Nässe schon durch.
„A Cafe gibt’s a nirgands?“, fragte Minna. Der junge Mann zuckte die Achseln. Dann schwang er sich auf sein Fahrrad und rumpelte mit seinem Anhänger davon.
Wieder vor zur Hauptstraße. Mittlerweile waren die Schneeflocken schon größer und blieben auf Minnas Schulter und der Nasenspitze einen Moment liegen bevor sie herabrannen.
Ob der Museumswärter einen Kaffee hatte? Oder die Nicole an der Kasse? So ging sie wieder zum Museum zurück.
Es war abgeschlossen. Minna klopfte an die Tür, klopfte ans Fenster.
„Hallo?“ rief sie. Keine Antwort.
„Ich bins, die Haberletzerin.“ Keine Antwort. Wahrscheinlich saß der dicke alte Museumswärter im Wirtshaus Post und ließ sich einen Schweinsbraten schmecken.
Minna fror. Schon war die Straße und der Vorplatz mit einer dünnen weißen Schneeschicht bedeckt. Die ganzen Maschinen hier - Halt! Da schimmerte etwas im trüben Winterlicht: eine große Glaskugel! Hinter all den Gartengeräten einer vergangen Epoche, im Eck zwischen Hauswand und Gartenzaun, mit einer Plane bedeckt, die durch die Nässe schwer geworden halb herunter gerutscht war, stand die Zeitmaschine. Minna atmete auf. Sie zog die Plane ganz herab. Ja, eindeutig Siegis Zeitmaschine. Da drüben dieses Gerät mit dem Rohr, das war sogar sein Tachyonenantrieb. Minna schob und rückte die ganzen Geräte zur Seite und rollte die Zeitkugel nach vorne bis sie mitten auf der Einfahrt stand. Sie legte den kleinen Hebel um, die Zeitmaschine klappte auf, Minna stieg ein. Sie kontrollierte die Anzeigen: ihre Rückreise war bereits einprogrammiert.
In dem Moment kam der Museumswärter daher. „Frau Haberletzer, was machens denn da?“, rief er.
Minna öffnete die Zeitkugel eine Spalt: „Schaung S in da Tiefgarage im Finsinger Weg nach! Da findn S nu so oane!“ Schnell die Kugel wieder geschlossen, Startknopf gedrückt und das Museum verschwand im Nebel. Als letztes sah Minna den weit offenen Mund des Franz Xaver Kipflbäck.


„Gut“, sagte der Ingeniör, „vermachen wir halt unser gesamtes Graffl dem Heimatmuseum. Willst du dich wirklich ausstopfen lassen? Man kann die Kuchl doch auch ohne dich ausstellen.“
„Vastehst du des ned, Siegi? Wia i so neba ihr auf dem Kanapee gsessen bin, da hat s mia gesagt, dass es ihr ...“
„Geh, Minna“, unterbrach sie der Ingeniör. „Du bist ausgestopft, du bist tot, da kannst du nichts mehr sagen.“ Aber Minna ließ sich nicht beirren: „dass es mir gfoit im Museum. Kemman allawei Leit zu mia, bringan mia Bleamal mit. Sogar unsa Enkelin, die Isolde kimmt alle paar Wochen vorbei. Ich mecht da sitzn 100 Jahre lang oder wenn’s sein muass a 300.“
„Von mir aus. Aber eine Enkelin Isolde haben wir nicht.“
„Vielleicht kriang ma bald oane?“
„Unsere Helene ein Kind? Das wird nichts mehr. Die ist schon 34.“
„Aber es kunnt nu geh. Moanst ned, ...“
Doch der Ingeniör fiel ihr ins Wort: „Die nächste Zeit geht nichts mit Zeitreisen. Schau dir doch die Kugel an, wie klapprig die ist! Die hat 60 Jahre auf dem Buckel. Die meiste Zeit im Freien gestanden. Die muss ich erst einmal generalüberholen. Hast wirklich Glück gehabt, dass dir die nicht unterwegs auseinandergebrochen ist.“
„Na guat, inzwischen wer i mal schaung, ob ich a Strickanleitung für Babyjopperl find. Füa de kloane Isolde.“
1.2.09 17:08


Limo für Chattibums

Seit drei Jahren passiert beim Haberletzer in der Sylvesternacht etwas Eigenartiges: Zwei oder drei Sektflaschen im Keller sind leergetrunken, dabei aber noch original verschlossen, richtig noch mit Draht umwickelt und nicht einmal die Folie oben herum ist beschädigt.
Das erste Mal waren der Ingeniör und die Minna an Sylvester bei Freunden und sie haben gedacht, da hat ihnen jemand aus der Nachbarschaft einen Streich gespielt. Das zweite Jahr waren sie zu Hause und haben aufgepasst, dass die Tür fest zu war. Aber um Mitternacht sind sie natürlich hinausgegangen, um das Feuerwerk anzuschauen. Vielleicht war da die Haustür nicht richtig zu und jemand hat sich in den Keller geschlichen? Im dritten Jahr haben sie die Sektflaschen gut versteckt, in einer Schachtel im hintersten Eck des Kellers und Minna hat noch einen Berg schmutzige Wäsche darüber gehäuft. Trotzdem waren wieder drei Flaschen leer und nicht die billigen vom Dings, die ihr die Freundin zu Weihnachten geschenkt hat, sondern die teuren guten, die Minna im Bioladen gekauft hat.
Dieses Jahr passiert Minna das nicht mehr. Seit Weihnachten trinken die beiden jeden Abend eine Flasche. Jetzt sind grad noch drei übrig, zwei billige und eine etwas bessere. Die stehen auf dem Küchentisch. Das Feuerwerk schauen sie sich heuer auch nicht an. Sie bewachen ihren Sekt und hoffen, dass der geheime Säufer, der verschlossene Flaschen leeren kann, sich bemerkbar macht. Kurz vor Mitternacht stellen sie den Radio an und warten auf die Zeitansage: „Tüt, Tüt, tüt, tüt, tüüüt! Gutes Neues Jahr!“ Der Ingeniör lässt den Korken knallen und gießt Minna und sich selber ein. Sie stoßen an, umarmen sich, mit dem Glas in der Hand, küssen sich ein bisschen, stoßen wieder an, wollen trinken – Minnas Glas ist leer.
„Hast du mir nichts eingegossen?“
„Du hast schon alles ausgetrunken.“
Aber Siegis Glas ist auch leer. Und die Flasche, als er nachgießen will, die ist auch leer.
„He, so geht das nicht!“ ruft Minna und packt die beiden anderen Flaschen, drückt sie sich fest an die Brust.
„Hicks“, macht es ganz laut.
Minna hat das Gefühl, dass irgendwas an den Flaschen zieht und dreht sich herum.
„Bäh“, sagt jemand, „das schmeckt gar nicht. Wo habt ihr denn die gute Limo versteckt?“
Ein paar orangefarbenen Kugeln schweben vor Minna in der Luft. Werden dicker und schwanken hin und her und werden wieder kleiner.
„Wer bist du?“, fragt Minna „und warum säufst du unseren Sekt weg?“
„Chiddabambaran Qua sulmifas.“
“Wie bitte?”
„Ihr könnt mich Chidulmi nennen. Habt ihr nicht noch irgendwo was von der besseren Sorte ? Ich kann im ganzen Haus nichts finden.“
In der Luft erscheint eine Art grün-orange-geringelter Rüssel. Daneben etwas, das wie eine Gelatinekugel ausschaut mit einem dunklen Kern.
„Wer gibt dir das Recht, hier einfach einzudringen und unseren Sekt zu saufen?“ Minna funkelt den Rüssel wütend an. Der verschwindet, dafür schwillt die Gelatinekugel an. Groß wie ein Fußball ist sie schon.
Siegi springt vom Kanapee auf, packt den Stopselzieher und geht damit auf die Kugel los. Schwupp - ist sie weg. Ein dumpf dröhnendes Gelächter rumpelt durch die Küche.
„Ich selbst gebe mir das Recht dazu, weil ich euch erbärmliche Wesen in den Weiten des Raumes entdeckt habe. Dreidimensionale Leberwesen! Aber die Limo, die ihr habt, schmeckt wirklich gut.“
„Und wie viel Dimensionen hast du?“, fragt der Ingeniör, immer noch mit dem Stopselzieher vor sich in der Luft herumstechend.
„Vier natürlich.“
„Und du darfst das? Einfach hierher kommen und uns schikanieren?“, piepst Minna, hinter dem Rücken von Siegi hervor.
„Wir werden dich bei der vierdimensionalen Polizei anzeigen“, schreit Siegi.
„Hahaha“, lachte der Chiddabams, „macht das doch! Das könnt ihr nämlich gar nicht, ihr Flachlinge. Ich brauch euch bloß in die vierte Dimension heben und ein bisschen zu schütteln, dann fallen diese ganzen Stöcke, die in eueren armseligen vier Tentakeln stecken, heraus und das ganze rote Zeugs, mit dem ihr vollgestopft seid.“ Dabei schlingt sich eine grüne-orange geringelte Wurst um Minnas Hüfte und hebt sie etwas vom Boden hoch.
Minna quiekt. Sie streckt dem Geist die Flaschen entgegen und ruft: „Da, da, nimm sie und verschwinde! Der Siegi macht sie dir noch auf.“
Siegi sticht mit dem Korkenzieher nach der Wurst.
„Au, au“, schreit Minna, denn er hat sie erwischt.
„Pah, als vierdimensionales Wesen saug ich die einfach so aus. Aber das hier, dieses Prietschelwasser, das mag ich nicht. Habt Ihr wirklich nichts mehr von dem guten roten Prosecco, den ihr voriges Jahr hattet?“
„Nein, aber ich kann morgen, äh nein, übermorgen einen kaufen gehen.“
Minna plumpst auf den Boden. Die Flaschen fallen ihr aus der Hand und rollen unter den Tisch.
„Übermorgen geht nicht. Wenn, dann kann ich nur in der Sylvesternacht kommen. Ist eh schon fast vorbei. Na gut, nächstes Jahr komm ich wieder. Aber da besorgt ihr bitte wieder was besseres. Tschaaauuuuuu.“ Etliche orangene Kugel schwabbeln durch die Küche, schrumpeln zusammen. Stille.
Minna und Siegi schauen sich an.
„Du warst sehr mutig“, sagt Minna. Siegi legt den Stopselzieher auf den Tisch und hilft Minna aufstehen.
„Naja“, sagte er, „nicht dass er dich mitnimmt.“
„Ich hab eine wahnsinnige Angst ghabt“, gesteht Minna. „Drum hab ich ihm gleich den Sekt angeboten. War das falsch?“
„Nein, nein, war schon richtig. Ich weiß nicht, ob ich viel ausgerichtet hätte. Mit dem Ding da. Wenn es wenigstens ein Messer gewesen wäre.“
„Was machen wir, wenn das Monster nächstes Jahr wieder kommt?“
„Das müssen wir uns noch überlegen. Aber wir haben ja ein Jahr lang Zeit.“

Es ist November und Minna und ihr Ingeniör haben immer noch keine Idee.
„Wir könnten den Sekt in die schwere Holzkiste aus deiner Werkstatt legen und die Kiste ganz fest mit Ketten umwickeln und die mit stabilen Vorhängeschlössern sichern“, schlägt Minna vor.
„Nutzt nix“, sagt Siegi. „Wenn das wirklich ein vierdimensionales Wesen ist, kann es in jedes dreidimensionale Behältnis hineinlangen so wie du in einen Teich hineinlangst und Steine herausholst. Es hat ja auch den versteckten Schampus gefunden, weil das Haus für ihn auf einen Blick bis in den letzten Winkel zu sehen ist.“
„Dumm“, sagt Minna.
Es ist Anfang Dezember. Der Ingeniör hat eine Idee.
„Ich baue ein Chaospendel und da hängen wir die Flasche dran.“
„Ein was?“
„Na so eine Maschine, die fährt die Flasche rauf und runter, nach links und nach rechts oder nach oben oder nach unten – aber du kannst nicht ausrechnen, was sie als nächstes macht.“
„Und du meinst, das hilft?“
„Zumindest wenn die Bewegungen schnell genug sind, braucht das Viererdings eine Zeit lang, bis es sich die Flasche schnappen kann.“
„Die Wahrscheinlichkeit, dass der Schnappidam die richtige Bewegung errät ist ein Sechstel. Wahrscheinlich erwischt er nach fünfmal daneben langen doch die Flasche. “
„Hmm, ich könnte noch Rotationen einbauen, dann haben wir noch 3 Freiheitsgrade mehr.“
„20 Versuche und er hat sie.“
„Oder er packt einfach die Arme von der Maschine und hält sie fest.“
„Meinst, dass er das kann?“
„Bestimmt.“
„Dann müssen wir uns noch was anderes überlegen.“

Drei Tage vor Weihnachten. Minna hat Sekt gekauft, den guten roten aus dem Bioladen.
„Hast du endlich eine Idee, Siegi?“
„Nein. Und du?“
„Auch nicht.“
„Dann trinken wir den Sekt an Weihnachten.“

Weihnachten ist vorbei. Kein Sekt mehr im Hause.
„Sylvester ohne Sekt, das ist doch nichts“, sagt Minna. „Wenigstens eine Flasche könnten wir doch kaufen.“
„Und noch vor 12 Uhr aufmachen, damit wir gleich anstoßen können, bevor uns der Tschattibums alles wegsäuft.“
„Jetzt, jetzt hab ich eine Idee!“

Sylvester Abend, kurz vor 12 Uhr: Siegi öffnet eine Flasche Prosecco, 3,95 Euro die Flasche aus dem Supermarkt. Man muss ja nicht übertreiben. Er gießt drei Gläser voll.
Tüt, tüt, tüt macht es im Radio. Siegi und Minna heben jeder ein Glas hoch. Das dritte steht am Tisch, mitten am Tisch, auf einer grünen Serviette.
Tüüüt!
Minna und Siegi rufen: „Ein gutes Neues Jahr, lieber Tschattibum und Prost!“
Dann leeren die zwei ihr Glas. Das Glas auf dem Tisch leert sich auch.
„Na, schmeckt’s dir?“
„Oh ja! Schmeckt ganz gut!“, sagt eine kratzige Stimme.
„Noch was?“
„Danke, ich nehme mir.“
Die Flasche leert sich.
„Lass uns auch noch ein Schlückchen.“
„Tschuldigung! Nix mehr drin. Aber – hicks -- so was gibt’s bei uns halt nicht.“
„Willst du dir vielleicht eine Flasche mitnehmen?“, fragt Siegi.
„Geht doch nicht“, klagt die Stimme. Auf einmal sind wieder diese orangenen Kugeln da, tanzen durch die Küche. „Eure dreidimensionalen Flaschen laufen in der vierten Dimension einfach aus.
„Ich verstehe“, sagt Minna, „das ist, wie wenn ich mit einem Wollfaden einen Wasserfleck auf dem Tisch umschließe. Ich kann ihn zwar umgrenzen, so dass er nicht ausläuft, aber nicht transportieren.“
„Ha?“, sagt Siegi.
„Ich erklär dirs nachher.“
„Aber ihr habt ja noch zwei Flaschen im Kühlschrank!“ Schon stehen die Flaschen am Tisch – ohne dass die Kühlschranktür aufgegangen wäre. „Eine für euch, eine für mich?“
Während Siegi noch mit den Draht herumwerkt, leert sich die andere bereits – verschlossen, versteht sich.
„Hach, das schmeckt! Wie sagt ihr? Prost!“ der Chatti rülpst laut. „Nächstes Jahr komm ich wieder! Dann besorgt bitte noch eine Flasche mehr und am liebsten wär mir die rosa Limo, die ihr sonst immer hattet.“
„Könntest du uns dafür einen Gefallen tun?“, fragt Siegi.
„Bitte gerne, aber ich muss eigentlich schon wieder weg.“
„Ach, es ist nur eine Kleinigkeit. Kannst du da einen Knoten hinein machen?“ Er streckt einen aufgepumpten Fahrradschlauch in die Höhe. Ein orange-grüngeringelter Wurm greift danach.
Der Schlauch verschwindet und ist gleich wieder da.
„Recht so? Aber jetzt muss ich los. Danke für die Limo. Und tschaaauuu.“
Und hier, hier den Schuh! Minna zeiht ihre Birkenstocksandale aus. „Kannst du den umdrehend?“
Triumphierend schwenkt Siegi den Fahrradschlauch.
„Da ist ein Knoten drin, da ist ein Knoten drin!“, jubelt er.
Ich hab zwei linke Schuhe, ich hab zwei linke Schuhe!“, jubelt Minna.
Dann gehen die zwei vors Haus, wo die Nachbarn schon Feuerwerk zünden und schauen zu, wie die Raketen ringsum in den Himmel steigen. Und anschließend gehen sie in den Garten, wo in einer Astgabel des Apfelbaumes noch eine Fasche Sekt steckt: Rosee, Marke Perlage, aus dem Bioladen, die Flasche zu 11.98 Euro. Das ist die, auf die der Chattibumsdi so scharf ist. Die Minna auch.
31.12.08 12:30


Lese-Tpps

Im Lokalteil der Süddeutschen gab es heute Lese-Empfehlungen für die freien Tage:
sz-amfussder treppe
20.12.08 09:26


noch mehr Treppen

Feuertreppe1

Feuertreppe 2

Feuertreppe 3
Das sind die Feuertreppen an einer der Schulen. Man hat nämlich einige fJahre nachdem die Schule fertig war, festgestellt, dass im Brandfalle die Treppen im haus viel zu eng sind. Ein zweites Treppenhaus anzubauen ist auch nicht möglich. Also müssen die Schüler aus dem fenster klettern und sich über diese Treppen in Sicherheit bringen können.
27.11.08 09:05


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